Energiepreisschock halbiert Wachstumsprognose

Berlin – Die deutsche Wirtschaft erlebt im Frühjahr 2026 einen schweren Rückschlag. Der Krieg im Nahen Osten und die daraus resultierende Blockade der Straße von Hormus haben die Energiepreise in ungeahnte Höhen getrieben – mit drastischen Folgen für die größte Volkswirtschaft Europas. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr mehr als halbiert und warnen vor einem nachhaltigen Schaden für den Standort Deutschland.

Nach der am 31. März veröffentlichten Frühjahrsgemeinschaftsdiagnose der fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute (DIW Berlin, ifo Institut, IWH Halle, Kiel Institut und RWI Essen) wird das Bruttoinlandsprodukt 2026 nur noch um 0,6 Prozent wachsen. Noch im Herbst waren die Ökonomen von 1,3 Prozent ausgegangen . Für 2027 rechnen die Institute mit einem Wachstum von 0,9 Prozent – ebenfalls ein deutlicher Rückgang gegenüber der bisherigen Prognose von 1,4 Prozent .

„Der Energiepreisschock im Zuge des Iran-Krieges trifft die Erholung hart“, erklärte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des ifo Instituts. „Gleichzeitig stützt aber die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindert ein stärkeres Abrutschen“ .

Inflation zieht kräftig an

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung der Verbraucherpreise. Die Institute erwarten für 2026 eine Inflationsrate von 2,8 Prozent, für 2027 sogar von 2,9 Prozent . Im Herbst hatten sie noch mit 2,0 und 2,3 Prozent gerechnet. Bereits im März war die Teuerungsrate auf 2,7 Prozent gestiegen – den höchsten Stand seit Januar 2024, getrieben durch einen Anstieg der Energiepreise um 7,2 Prozent im Jahresvergleich .

Die Blockade der Straße von Hormus, eines der wichtigsten Seewege für Öl- und Gastransporte, hat zu massiven Preissprüngen geführt. Ob und wann die Meerenge wieder passierbar sein wird, ist ungewiss . Die Institute warnen, dass der Energiepreisschock die Kaufkraft der Verbraucher spürbar schmälert und die erhoffte binnenwirtschaftliche Erholung ausbremst.

Arbeitsmarkt bleibt stabil, aber angespannt

Die schwache Konjunktur und der verschärfte Strukturwandel hinterlassen auch auf dem Arbeitsmarkt Spuren. Die Institute erwarten, dass die Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent im Vorjahr auf 6,4 Prozent im laufenden Jahr steigt . Die Frühjahrsbelebung bleibt in diesem Jahr ohne nennenswerten Schwung, wie Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, bereits Mitte März einräumte .

Erst im kommenden Jahr dürfte es zu einer zaghaften Erholung der Beschäftigung kommen, wenn bei besserer Konjunktur die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen steigt .

Politik unter Reformdruck

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zog eine klare Konsequenz aus den alarmierenden Zahlen. „Die Botschaft der Frühjahrsdiagnose der Forschungsinstitute ist eindeutig: Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Druck auf die deutsche Politik, Strukturreformen konsequent anzugehen“, erklärte sie . Die Wachstumsaussichten seien deutlich schwächer als noch zuvor erwartet. „Es ist jetzt die Zeit, sich auf mutige Reformen zu einigen. Nutzen wir sie“ .

Die Institute betonen in ihrer Analyse, dass die wirtschaftliche Schwäche nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell bedingt ist: Die Wettbewerbsfähigkeit der exportorientierten Industrie habe weiter abgenommen, die US-Zollpolitik belaste die Ausfuhren, und die energieintensiven Branchen gerieten erneut unter Druck. Hinzu kämen eine rückläufige Erwerbsbevölkerung, schwache Produktivitätszuwächse und eine hohe Bürokratiebelastung .

Staatsverschuldung steigt

Die expansive Fiskalpolitik der Bundesregierung – insbesondere die kräftige Ausweitung der Neuverschuldung für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz über die Sondervermögen – stützt zwar die Konjunktur, hat aber ihren Preis. Die Institute rechnen für 2026 mit einem Staatsdefizit von 3,7 Prozent des BIP, für 2027 sogar von 4,2 Prozent. Der Bruttoschuldenstand wird auf 67,2 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen .

Börse hofft auf Kriegsende

Trotz der düsteren Konjunkturaussichten zeigen sich die Finanzmärkte zu Wochenbeginn erholt. Der DAX startete mit deutlichen Gewinnen in den April und notierte zwischenzeitlich wieder oberhalb der 23.000-Punkte-Marke . Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende im Iran und fallende Ölpreise beflügelten die Anleger. Die Aktien von Rüstungskonzernen wie Rheinmetall und Siemens Energy profitierten besonders stark .

Ausblick

Die Bundesregierung wird am 22. April ihre eigene Frühjahrsprojektion vorlegen. Bislang hatte sie für 2026 noch ein Wachstum von 1,0 Prozent erwartet – eine Zahl, die nach der aktuellen Institutsprognose wohl deutlich nach unten korrigiert werden muss . Ein geringeres Wirtschaftswachstum könnte zu niedrigeren Steuereinnahmen führen und den Spardruck auf die ohnehin klammen öffentlichen Haushalte weiter verschärfen. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) will Ende April die Eckpunkte des Haushalts 2027 vorlegen – eine Herkulesaufgabe angesichts der sich verschlechternden konjunkturellen Lage.

Mit Material von dpa, Reuters und den Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute.

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