Berlin/Frankfurt – Die deutsche Wirtschaft zeigt erste Anzeichen einer Belebung, doch der Start ins Jahr fällt holprig aus. Während die Bundesregierung für 2026 ein Wachstum von einem Prozent erwartet, trüben schwache Einzelhandelszahlen zum Jahresbeginn die Stimmung. Die entscheidende Frage lautet: Trägt der Aufschwung oder bleibt er ein schuldenfinanziertes Strohfeuer?
Konjunktur: Zögerlicher Start ins neue Jahr
Die Euphorie über die erhoffte wirtschaftliche Erholung bekommt erste Dämpfer. Wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte, sind die Einzelhandelsumsätze im Januar 2026 gegenüber dem Vormonat überraschend deutlich um 0,9 Prozent gesunken . Analysten hatten lediglich mit einem Rückgang von 0,2 Prozent gerechnet . Besonders besorgniserregend: Der Umsatz mit Nicht-Lebensmitteln brach sogar um 1,7 Prozent ein .
Diese Zahlen zeigen: Die vielbeschworene Konsumerholung, auf die viele Ökonomen ihre Hoffnungen setzen, lässt weiter auf sich warten. Die Kauflaune der Deutschen ist zum Jahresende 2025 so schlecht gewesen wie seit Monaten nicht mehr, wie die Nürnberger Forschungsinstitute GfK und NIM herausgefunden haben . Viele Menschen sorgen sich um ihr Einkommen und wollen verstärkt sparen .
Offizielle Prognosen: 1,0 Prozent Wachstum erwartet
Trotz des schwachen Starts hält die Bundesregierung an ihrer Wachstumsprognose fest. Der im Januar vom Bundeskabinett beschlossene Jahreswirtschaftsbericht 2026 geht von einem preisbereinigten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,0 Prozent aus . Für 2027 wird sogar ein Plus von 1,3 Prozent erwartet .
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kommentierte die Zahlen mit verhaltenem Optimismus: „Ein vorsichtiger Aufschwung kommt. Wir erwarten 1,0 Prozent Wachstum in diesem Jahr und 1,3 Prozent 2027, getragen von Investitionen und Konsum“ . Doch sie warnte zugleich: „Dieses Wachstum ist größtenteils schuldenfinanziert. Ohne konsequente Reformen der Standortbedingungen bleibt es ein Strohfeuer“ .
Die Prognose der Bundesregierung liegt damit etwas unter früheren Erwartungen – im Herbst waren noch 1,3 Prozent vorausgesagt worden . Grund ist die schwächere Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte 2025 .
Unterschiedliche Konjunkturprognosen im Vergleich
Die Wirtschaftsforschungsinstitute und die Bundesbank sind in ihren Vorhersagen etwas zurückhaltender:
- Bundesregierung: 1,0 Prozent Wachstum für 2026
- Bundesbank: 0,6 bis 0,9 Prozent Wachstum (je nach Berechnungsmethode)
- Sachverständigenrat: 0,9 Prozent Wachstum
- DIW (kalenderbereinigt): 1,3 Prozent Wachstum
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel zeigte sich zuversichtlich: „Die deutsche Wirtschaft macht im Jahr 2026 wieder Fortschritte: zunächst noch verhalten, aber dann geht es langsam aufwärts“ . Ab dem zweiten Quartal 2026 dürfte sich das Wirtschaftswachstum merklich verstärken, getragen vor allem von staatlichen Ausgaben und wieder anziehenden Exporten .
Die Treiber des Wachstums: Staat als Konjunkturmotor
Die erhoffte Belebung ruht auf mehreren Säulen. Maßgebliche Wachstumsimpulse dürften mit rund zwei Drittel Prozentpunkten von den wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung ausgehen . Besonders die milliardenschweren Sondervermögen für Infrastruktur, Klimaneutralität und Bundeswehr sowie steuerliche Investitionsanreize sollen die Wirtschaft ankurbeln .
Im Einzelnen erwartet die Bundesregierung:
- Private Konsumausgaben: +0,8 Prozent (real)
- Staatliche Konsumausgaben: +2,4 Prozent (real)
- Bruttoanlageinvestitionen: +3,0 Prozent (real)
- Exporte: +0,8 Prozent (real)
- Importe: +2,1 Prozent (real)
„Kräftig steigende Löhne und ein sich nach und nach verbessernder Arbeitsmarkt stützen die realen Einkommen und damit den privaten Konsum“, prognostiziert die Bundesbank .
Arbeitsmarkt: Stabil mit leichten Verbesserungen
Der Arbeitsmarkt zeigt sich trotz der Konjunkturflaute erstaunlich robust. Für 2026 rechnet die Bundesregierung mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 6,2 Prozent – ein minimaler Rückgang gegenüber 6,3 Prozent im Vorjahr . Die Erwerbstätigenzahl dürfte stagnieren .
Allerdings gibt es sektorale Verschiebungen: Rückgänge im Produzierenden Gewerbe wurden bislang durch Zuwächse im Dienstleistungssektor kompensiert . Die Ifo-Umfrage unter mehreren tausend Unternehmen zeigt jedoch, dass nahezu alle Industriezweige eine Fortsetzung des Stellenabbaus in den kommenden Monaten planen . „Die schwache Konjunktur bremst den Arbeitsmarkt weiter aus“, ordnet Ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe ein .
Inflation: Zäher Rückgang
Die Teuerungsrate erweist sich als hartnäckiger als erwartet. „Der Rückgang der Inflationsrate in Deutschland verläuft etwas zäher als gedacht“, räumt Bundesbank-Präsident Nagel ein . Wegen des Lohnwachstums und weniger stark fallenden Energiepreisen werde die Rate langsamer sinken als erhofft .
Die Prognosen:
- 2025: 2,3 Prozent (HVPI)
- 2026: 2,2 Prozent (HVPI)
- 2027: 2,1 Prozent (HVPI)
- 2028: 1,9 Prozent (HVPI)
Die Bundesregierung erwartet für 2026 eine etwas niedrigere Inflationsrate von 2,1 Prozent . Sinkende Energiepreise und administrative Entlastungen wirken demnach inflationsdämpfend, während insbesondere Dienstleistungspreise aufgrund steigender Arbeitskosten weiterhin überdurchschnittlich zunehmen dürften .
Strukturelle Probleme: Der Patient ist nicht geheilt
Trotz der konjunkturellen Belebung warnen Ökonomen und Regierung gleichermaßen vor den strukturellen Schwächen des Standorts Deutschland. Der Jahreswirtschaftsbericht benennt ungeschminkt die Herausforderungen :
- Bürokratie und Regulierung: Hohe Regulierungsdichte und Bürokratiekosten bremsen Investitionen und Innovationen. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Bürokratiekosten für die Wirtschaft in dieser Legislaturperiode um 25 Prozent zu reduzieren .
- Fachkräftemangel: Der demografische Wandel führt zu einem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials . In der Jahresprojektion werden erstmals die Ergebnisse der 16. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung berücksichtigt .
- Energiekosten: Trotz Entlastungen wie der Stromsteuersenkung für das Verarbeitende Gewerbe und der Einführung eines Industriestrompreises bleiben die Energiekosten im internationalen Vergleich hoch .
- Investitionsstau: Über Jahre wurde zu wenig in die öffentliche Infrastruktur investiert. Die geplanten 118,2 Milliarden Euro für Investitionen im Jahr 2026 sollen diesen Stau abbauen .
- Wettbewerbsfähigkeit: Die internationale Wettbewerbsposition deutscher Unternehmen leidet unter zunehmendem Wettbewerbsdruck aus China und anhaltenden geopolitischen Spannungen .
Außenhandel: Schwachstelle Export
Der Außenhandel bleibt der strukturelle Schwachpunkt der deutschen Wirtschaft. Die globalen Rahmenbedingungen sind weiterhin von geopolitischen Spannungen, gestiegenem Protektionismus und einer schwächeren internationalen Nachfrage geprägt .
Insbesondere zwei Faktoren belasten die Exportperspektiven:
- US-Zollpolitik: Die anhaltende, latente Drohung höherer US-Zölle sowie die bereits bestehenden Handelsbarrieren erschweren den Zugang zum wichtigen amerikanischen Markt .
- China-Konkurrenz: Der zunehmende Wettbewerbsdruck aus China setzt deutsche Industrieunternehmen unter Druck .
Während die Exporte 2026 voraussichtlich nur um 0,8 Prozent zulegen dürften, werden die Importe vor dem Hintergrund der anziehenden Binnennachfrage mit +2,1 Prozent lebhafter zunehmen . Damit dürfte der Außenhandel erneut einen negativen Wachstumsbeitrag leisten.
Staatliche Finanzen: Aufschwung auf Pump
Die Schattenseite der erhofften Konjunkturbelebung ist die dramatische Verschuldung. Für 2026 summiert sich die Kreditaufnahme auf 181,5 Milliarden Euro – den zweithöchsten Wert in der Geschichte der Bundesrepublik .
Die Bundesregierung plant 2026 bei den Investitionen aus Kernhaushalt, dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) sowie dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) mit insgesamt 128,7 Milliarden Euro – das sind 11,3 Prozent mehr als im Vorjahr .
Die offiziellen Haushaltsdaten des Bundesfinanzministeriums zeigen die Entwicklung der öffentlichen Defizite im internationalen Vergleich :
| Jahr | Deutschland | Euroraum | USA |
|---|---|---|---|
| 2024 | -2,7% | -3,1% | -8,0% |
| 2025 | -3,1% | -3,2% | -7,5% |
| 2026 | -4,0% | -3,3% | -7,8% |
| 2027 | -3,8% | -3,4% | -7,8% |
*Öffentlicher Haushaltssaldo in Prozent des BIP *
Die Bundesbank warnt: „Ohne ein Gegensteuern des Bundes zur Einhaltung der Schuldenbremse würde die Defizitquote 2028 weiter Richtung fünf Prozent steigen“ .
Reformagenda: Was die Regierung plant
Um die strukturellen Probleme anzugehen, setzt die Bundesregierung auf eine Kombination aus Investitionen und Reformen. Die sechs Handlungsfelder des Jahreswirtschaftsberichts umfassen :
- Bürokratierückbau und Staatsmodernisierung: Ziel ist eine Reduzierung der Bürokratiekosten um 25 Prozent. Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen beschleunigt werden.
- Investitionsoffensive: 118,2 Milliarden Euro für Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und Digitalisierung.
- Innovationsförderung: Reallabore-Gesetz, Experimentierklauseln und der Deutschlandfonds zur Mobilisierung privaten Kapitals.
- Energiekostenentlastung: Verstetigung der Stromsteuersenkung, Abschaffung der Gasspeicherumlage, reduzierte Übertragungsnetzentgelte und Industriestrompreis für 2026-2028.
- Arbeitsangebot stärken: Aktivrente ab 1. Januar 2026, Abschaffung des Vorbeschäftigungsverbots, reformierte Grundsicherung.
- Europäische Integration: Unterstützung der EU-Binnenmarktstrategie und Diversifizierung der Handelsbeziehungen (Mercosur-Abkommen).
Ausblick: Reformfenster nutzen
Die deutsche Wirtschaft steht Ende des ersten Quartals 2026 an einem Scheideweg. Die Konjunkturdaten senden gemischte Signale: Einerseits hellen sich die Geschäftserwartungen auf, andererseits bleibt die Konsumlaune der Verbraucher gedämpft .
Die entscheidende Frage wird sein, ob es gelingt, die strukturellen Probleme nachhaltig zu lösen. Wirtschaftsministerin Reiche mahnt: „Die konjunkturelle Belebung in diesem und im kommenden Jahr ist ein Reformfenster. Wir müssen es jetzt nutzen“ .
Andernfalls droht, was viele Ökonomen befürchten: Ein schuldenfinanziertes Strohfeuer, das verpufft, sobald die staatlichen Milliarden versiegen. Die Bundesbank gibt sich dennoch zuversichtlich, dass ab 2027 ein stärkerer Aufschwung mit 1,3 Prozent Wachstum möglich ist .
Ob diese Zuversicht berechtigt ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen – wenn sich entscheidet, ob der private Konsum tatsächlich anspringt und die Exporte angesichts globaler Handelskonflikte wieder Tritt fassen.

