Indien: Wirtschaftliche Resilienz auf dem Prüfstand

Die indische Wirtschaft, einer der globalen Wachstumsmotoren, steht durch den Nahost-Krieg vor erheblichen Belastungen. Die Weltbank senkte ihre Wachstumsprognose für das Fiskaljahr 2026/27 auf 6,6 Prozent und warnte vor „deutlichen Abwärtsrisiken“ durch steigende Ölpreise, Inflation und Versorgungsrisiken. Die Reserve Bank of India (RBI) zeigt sich zuversichtlicher und erwartet ein Wachstum von 6,9 Prozent, geht jedoch von einem durchschnittlichen Ölpreis von 85 Dollar pro Barrel aus. Moody’s ist noch pessimistischer und senkte die Prognose auf sechs Prozent.

Die RBI hat fünf Risikokanäle identifiziert, durch die der Konflikt die indische Wirtschaft treffen könnte: das Leistungsbilanzdefizit, die Inflation, die öffentlichen Finanzen, die privaten Investitionen und die Unsicherheit auf den Finanzmärkten. „Die anfängliche Angebotsschock kann sich mittelfristig in eine Nachfrageschock verwandeln, wenn die Wiederherstellung der Lieferketten verzögert wird“, warnte RBI-Gouverneur Sanjay Malhotra.

Die Zahlen sind alarmierend: Die globalen Rohölpreise sind seit Kriegsbeginn um fast 50 Prozent gestiegen. Indien ist zu 90 Prozent von Ölimporten abhängig, etwa 55 Prozent des Rohöls und über 90 Prozent des Flüssiggases (LPG) kommen aus der Golfregion. Die Inflation wird im laufenden Fiskaljahr voraussichtlich auf 4,9 Prozent steigen. Die indische Rupie fiel auf ein historisches Tief, ausländische Investoren zogen seit März fast 190 Milliarden Dollar ab.

Dennoch betont die RBI die Stärke der indischen Fundamentaldaten. Das Land verfüge über eine robuste Bankenlandschaft und Devisenreserven von fast 700 Milliarden Dollar, die etwa elf Monate Importe abdecken. Finanzministerin Nirmala Sitharaman kürzte kürzlich die Verbrauchssteuer auf Benzin und Diesel, um die Verbraucher zu entlasten – was allerdings die Steuereinnahmen schmälert.

In einem bemerkenswerten strategischen Schritt lockerte Indien zudem erstmals seit 2020 wieder systematisch die Investitionsbeschränkungen für chinesische Unternehmen. In den Bereichen Elektronikkomponenten und Solarzellen gelten nun erleichterte Bedingungen. Die indische Regierung versucht damit, Kapitalengpässe zu lindern und industrielle Lieferketten zu stabilisieren. Wirtschaftsexperten sehen darin einen Versuch Neu-Delhis, zwischen den globalen Mächten zu lavieren: Einerseits profitiert Indien von der Verlagerung von Produktionskapazitäten aus China, andererseits benötigt es chinesisches Kapital und Technologie für den eigenen Aufbau. Analysten warnen jedoch, dass die politische Lage für ausländische Investoren in Indien weiterhin unberechenbar bleiben könnte.

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