Peking – China hat auf der gerade zu Ende gegangenen Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses (NVK) die Weichen für die kommenden fünf Jahre gestellt. Kernbotschaften der diesjährigen Beratungen sind ein moderates Wirtschaftswachstum von 4,5 bis 5 Prozent für 2026, massive Investitionen in Zukunftstechnologien und tiefgreifende Sozialreformen zur Bewältigung der alternden Gesellschaft . Das bevölkerungsreichste Land der Welt setzt dabei auf technologische Souveränität und gemeinsamen Wohlstand als Leitmotive der neuen Fünfjahresplan-Periode 2026–2030 .
Wirtschaftspolitik: Realistischer Kurs mit Spielraum
Die zentrale Ankündigung des Volkskongresses betrifft das Wirtschaftswachstum: Für 2026 wird eine Spanne von 4,5 bis 5 Prozent angestrebt – das niedrigste offizielle Ziel seit den frühen 1990er Jahren . Ministerpräsident Li Qiang betonte bei der Vorstellung des Arbeitsberichts, die reduzierte Vorgabe schaffe Spielraum für strukturelle Anpassungen und Risikoprävention angesichts wachsender geopolitischer Spannungen und eines schwierigen handelspolitischen Umfelds .
Finanzpolitisch setzt Peking auf eine proaktivere Fiskalpolitik. Die Defizitquote bleibt bei vier Prozent des BIP, das Haushaltsdefizit steigt um 230 Milliarden Yuan (rund 33 Milliarden US-Dollar) . Erstmals werden die Ausgaben im allgemeinen öffentlichen Haushalt voraussichtlich 30 Billionen Yuan erreichen . Gleichzeitig verfolgt China eine angemessen lockere Geldpolitik, die ein stetiges Wirtschaftswachstum und einen moderaten Preisanstieg fördern soll .
Die Binnennachfrage zu stärken, bleibt eine Priorität. Allerdings zeigen die konkreten Maßnahmen Zurückhaltung: Das Programm zum Austausch von Konsumgütern wird von 300 auf 250 Milliarden Yuan reduziert . Statt kurzfristiger Impulse setzt die Regierung auf strukturelle Maßnahmen zur Erhöhung der Einkommen städtischer und ländlicher Bevölkerung sowie auf verbesserte Sozialsysteme, die langfristig konsumfördernd wirken sollen .
Technologie: Vom Teilnehmer zum Trendsetter
Die wohl dynamischste Entwicklung zeigt sich im Technologiesektor. China hat die technologische Aufholjagd zur westlichen IT-Industrie nach Einschätzung von Fachleuten abgeschlossen – in ausgewählten Nischen geht das Land sogar in Führung . Getragen vom 15. Fünfjahresplan und der Initiative „New Quality Productive Forces“, löst sich China gezielt von westlichen Abhängigkeiten .
Ein Meilenstein ist der Durchbruch im Quantencomputing. Das 105-Qubit-System der Zuchongzhi-Klasse erreicht 2-Qubit-Gate-Fidelities von 99,62 Prozent bei einer Kohärenzzeit von 72 Mikrosekunden . Die Überlegenheit gegenüber klassischer Hardware wirkt fast surreal: Das Quantensystem erledigt in wenigen hundert Sekunden Aufgaben, für die klassische Exascale-Systeme rechnerisch Milliarden Jahre benötigen würden . Mit der „Tianyan“-Plattform wird Quantenleistung bereits kommerziell als Cloud-Dienst angeboten .
Die Fortschritte zeigen sich auch international. Auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona prägten chinesische Unternehmen das Bild – von KI-gestützten Endgeräten bis zu fortschrittlichen humanoiden Robotern . Huawei, Honor, Xiaomi und Lenovo präsentierten Innovationen, die ausländische Besucher tief beeindruckten . Der Anteil Chinas an weltweiten KI-Patentanmeldungen erreichte 60 Prozent .
Der Fünfjahresplan definiert klare Prioritäten: Integrierte Schaltkreise, Luft- und Raumfahrt, Biomedizin und die Niedrighöhen-Ökonomie sollen als Säulenindustrien ausgebaut werden . Zukunftstechnologien wie Quantentechnologien, verkörperte Intelligenz (Embodied AI), Gehirn-Computer-Schnittstellen und 6G erhalten gezielte Förderung . Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sollen jährlich um mindestens sieben Prozent steigen .
Ein weiterer Fokus liegt auf der Reduzierung der CO₂-Emissionen. Zwischen 2026 und 2030 sollen die Emissionen pro Einheit BIP um 17 Prozent sinken, der Anteil nicht-fossiler Energien am Gesamtverbrauch bis 2030 auf 25 Prozent steigen .
Sozialpolitik: Gemeinsamer Wohlstand und demografischer Wandel
Die soziale Dimension des neuen Entwicklungsmodells firmiert unter dem Begriff „gemeinsamer Wohlstand“. Dieser Ansatz zielt darauf ab, den wirtschaftlichen Kuchen weiter zu vergrößern, gleichzeitig aber seine Verteilung zu verbessern . Anders als im Westen teilweise dargestellt, handelt es sich nicht um Egalitarismus, sondern um eine duale Strategie aus Wachstum und Inklusion .
Die Alterung der Gesellschaft erfordert tiefgreifende Reformen. Ende 2025 waren knapp 323 Millionen Chinesen 60 Jahre oder älter . Die im September 2024 eingeleitete Reform zur schrittweisen Anhebung des Rentenalters soll nicht einfach die Lebensarbeitszeit verlängern, sondern Flexibilität schaffen und Erfahrung als Asset nutzen .
Parallel dazu entwickelt China die Langzeitpflegeversicherung als „sechste Sozialversicherung“. Sie soll pflegebedürftigen älteren Menschen professionelle Dienste ermöglichen und gleichzeitig die erwerbstätige Generation entlasten . Die makroökonomische Logik ist zwingend: Wenn die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schrumpft, kann sich China nicht leisten, Millionen von Arbeitskräften durch familiäre Pflegeverpflichtungen dem Arbeitsmarkt zu entziehen .
Die Lebenserwartung soll im neuen Fünfjahresplan auf 80 Jahre steigen . Angesichts der Nullinflation bei Verbraucherpreisen im vergangenen Jahr und eines schwierigen Immobilienmarkts bleiben die sozialpolitischen Herausforderungen jedoch beträchtlich .
Ausblick: Realistische Erwartungen in schwierigem Umfeld
China steht nach Einschätzung von Analysten vor einer Reihe schwerwiegender Herausforderungen . Das sich wandelnde internationale Umfeld wirkt sich zunehmend aus, während die globale Wirtschaftsdynamik schwach bleibt und Freihandel unter Druck gerät . Die Abhängigkeit vom Export bleibt hoch, auch wenn die Binnennachfrage gestärkt werden soll .
Für ausländische Unternehmen bedeutet dies, dass kurzfristige Impulse zur Belebung des Binnenmarktes kaum zu erwarten sind . Die deutsche Handelskammer in China interpretiert die Botschaft des Volkskongresses so, dass Zukunftsfelder und Innovationen maßgeblich die weitere Entwicklung der chinesischen Wirtschaft bestimmen werden .
Der private Sektor erhält durch das im Mai 2025 in Kraft getretene Fördergesetz für die Privatwirtschaft mehr Rechtssicherheit . Über 150 unterstützende Maßnahmen der Staatsbehörden und zahlreiche lokale Regelungen haben ein günstigeres Umfeld geschaffen – „Es ist an der Zeit, dass private Unternehmen und Unternehmer ihr Können unter Beweis stellen“, formulierte es NVK-Sprecher Lou Qinjian .
Insgesamt zeichnet der diesjährige Volkskongress das Bild eines Landes, das sich auf moderateres Wachstum einstellt, gleichzeitig aber entschlossen in Zukunftstechnologien investiert und die sozialen Sicherungssysteme grundlegend modernisiert. Die Weichen sind gestellt für einen Kurs der „qualitativ hochwertigen Entwicklung“, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt – ein Kurs, der China trotz schwierigem Umfeld auf dem Pfad zur sozialistischen Modernisierung halten soll

