Kiew – Viereinhalb Jahre nach Beginn der groß angelegten Kampfhandlungen zeigt sich die Ukraine in einem Zustand verhaltener Konsolidierung. Während die militärische Lage an der Front von einem weitgehenden Patt geprägt ist, gelingt der Wirtschaft eine bemerkenswerte Stabilisierung. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen für neue diplomatische Initiativen. Ein Lagebericht, der die Entwicklungen aus einer neutralen Perspektive betrachtet.
Die militärische Lage: Verlangsamte Dynamik im Osten, Erfolge im Süden
Die Frontlinie in der Ukraine präsentiert sich Anfang März 2026 als ein Mosaik aus lokalen Verschiebungen. Im Osten des Landes, insbesondere in der Region Donezk, setzen russische Streitkräfte ihren langsamen Vormarsch fort. Wie das Institute for the Study of War (ISW) berichtet, konnten russische Einheiten nördlich der Stadt Pokrowsk die Dörfer Satyschok und Suchezke unter ihre Kontrolle bringen . Gleichzeitig drangen sie nördlich von Lyman vor, wo geolokalisierte Aufnahmen einen Vorstoß südöstlich des Dorfes Stawki belegen .
Ein deutlich anderes Bild zeigt sich im Süden des Landes. Ukrainische Streitkräfte haben nach eigenen Angaben im Gebiet Saporischschja seit Ende Januar neun Siedlungen zurückerobert . Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj betonte, dass seine Truppen erstmals seit dem Sommer 2024 in einem Monat mehr Gebiete befreit hätten als die russischen Angreifer einnehmen konnten . „Wir haben diese schwere Schlacht um den Winter überstanden“, schrieb Syrskyj auf Telegram .
Die Zahlen untermauern diese Einschätzung: Dem ukrainischen Kartenprojekt DeepState zufolge eroberten russische Truppen im Februar lediglich 126 Quadratkilometer – der geringste Geländegewinn seit 20 Monaten . Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich entsprechend zuversichtlich: Er zweifle an der Stoßkraft der erwarteten russischen Frühjahrsoffensive, da die russischen Kräfte nicht ausreichten .
Der Krieg im Hinterland: Angriffe auf Infrastruktur
Während an der Front ein zäher Abnutzungskrieg tobt, setzen beide Seiten ihre Angriffe auf strategisch wichtige Ziele fort. In der Nacht zum 3. März griffen ukrainische Drohnen das Ölterminal Sheskharis im russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk an. Nach Angaben des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU wurden dabei zwei Luftabwehrsysteme, mehrere Kriegsschiffe und sechs der sieben Öltanker des Terminals getroffen . Der Brand konnte inzwischen gelöscht werden . Russische Stellen meldeten den Abschuss von 172 Drohnen in derselben Nacht .
Präsident Selenskyj veröffentlichte zudem eine Bilanz der vergangenen Wintermonate: Demnach setzte Russland seit Dezember fast 19.000 Kampfdrohnen, mehr als 14.670 Gleitbomben und 738 Raketen gegen die Ukraine ein . „Die Russen wollten diesen Winter zur Vernichtung der Ukraine und der Ukrainer nutzen, aber die Ukraine hat nicht nachgegeben“, bilanzierte Selenskyj .
Die zivilen Opferzahlen bleiben besorgniserregend. Allein bei russischem Beschuss der Stadt Cherson kamen Anfang März vier Menschen ums Leben . Die Menschenrechtsbeobachtungsmission der Vereinten Nationen dokumentierte für das Gesamtjahr 2025 insgesamt 14.999 getötete und 40.601 verletzte Zivilisten seit Kriegsbeginn – ein Anstieg der zivilen Opfer um 31 Prozent gegenüber 2024 . Besonders schwer traf es die Stadt Krywyj Rih, wo bei einem Angriff auf ein Wohnviertel im April 2025 neun Kinder getötet wurden .
