Kiew/Abu Dhabi – Vier Jahre nach Beginn der groß angelegten Kampfhandlungen steht die Ukraine an einem kritischen Punkt. Das Land hat den vierten Kriegswinter überstanden, doch die Belastungen für Bevölkerung und Armee erreichen neue Dimensionen. Während an der Front weitergekämpft wird, laufen parallel diplomatische Bemühungen – bislang ohne greifbaren Durchbruch. Ein Lagebericht zum Stand der Dinge Anfang März 2026.
Der Kriegseintritt ins fünfte Jahr
Am 24. Februar jährte sich der russische Einmarsch zum vierten Mal – ein Datum, das ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Anlass für eine Frühjahrsbotschaft an seine Landsleute nahm. „Wir haben den vierten Kriegswinter überstanden“, bilanzierte er. Zugleich listete er auf, wie viele Drohnen, Raketen und Bomben gegen sein Land zum Einsatz kamen .
Die militärische Bilanz dieser vier Jahre ist erschütternd: Nach Angaben der Menschenrechtsbeobachtungsmission der Vereinten Nationen wurden bis Dezember 2025 mindestens 14.999 Zivilisten getötet und 40.601 verletzt . Die humanitäre Organisation CARE beziffert die Zahl der Binnenvertriebenen auf 3,7 Millionen, weitere 5,3 Millionen Menschen leben als Flüchtlinge im Ausland .
Präsident Selenskyj selbst ist in diesen Jahren zur internationalen Symbolfigur des ukrainischen Widerstands geworden. Seine Entscheidung, in den ersten Kriegstagen in Kiew zu bleiben und regelmäßig kurze Videobotschaften zu veröffentlichen, trug wesentlich zur Mobilisierung des Durchhaltewillens bei .
Die militärische Lage: Zäher Abnutzungskrieg
Die Frontlinie im Osten und Süden der Ukraine bewegt sich nur langsam, aber stetig. Russische Truppen setzen weiterhin auf eine Strategie der Ermattung: Nicht schnelle Geländegewinne stehen im Vordergrund, sondern die systematische Zermürbung der ukrainischen Verteidigungsfähigkeit durch anhaltenden Druck und massive Materialüberlegenheit .
Laut dem Institute for the Study of War (ISW) sind russische Streitkräfte zuletzt in der Nähe der Stadt Kostjantyniwka in der Region Donezk vorgerückt . Der ukrainische Generalstab meldete für Anfang März heftige Kämpfe bei Pokrowsk, wo es mindestens 14 Attacken auf ukrainische Stellungen gegeben habe .
Die Ukraine ihrerseits versucht, durch gezielte Schläge hinter den feindlichen Linien gegenzusteuern. So wurden nach ukrainischen Angaben in den vergangenen Wochen mehrere russische Militärziele im besetzten Gebiet getroffen, darunter ein Flugabwehrsystem bei Donezk und ein Munitionsdepot auf der Krim . Zudem meldete das ukrainische Militär Treffer an drei Bohrplattformen des russischen Ölkonzerns Lukoil im Kaspischen Meer .
Die Verlustzahlen auf beiden Seiten bleiben hoch. Die ukrainische Seite bezifferte die russischen Verluste (Gefallene und Verwundete) vom 24. Februar 2022 bis zum 8. Januar 2026 auf rund 1.215.900 Soldaten . Unabhängig überprüfbar sind diese Angaben nicht, sie geben jedoch einen Eindruck von der Intensität der Kämpfe.
Humanitäre Lage: Leben unter Dauerbeschuss
Die Zivilbevölkerung trägt die Hauptlast des Krieges. Besonders die Energieinfrastruktur ist immer wieder Ziel von Angriffen. Im Januar 2026 waren nach erneuten Luftangriffen in Kiew zeitweise 6000 Wohnblocks ohne funktionierende Heizung, etwa 500.000 Haushalte in und um die Hauptstadt hatten keinen Strom .
Human Rights Watch dokumentierte für das Jahr 2025 einen Anstieg der zivilen Opfer um 31 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Diplomatische Bemühungen: Gespräche ohne Durchbruch
Parallel zu den Kämpfen wird auf diplomatischer Ebene intensiv verhandelt. Anfang März 2025 fand in Abu Dhabi eine weitere Runde trilateraler Gespräche zwischen Delegationen aus der Ukraine, Russland und den USA statt – es war bereits die vierte Runde dieser Art .
US-Präsident Donald Trump hat die Beendigung des Krieges zu einer Priorität erklärt. Seine Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner führten in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche mit beiden Seiten, zuletzt in Abu Dhabi und Genf . Ein Treffen Selenskyjs mit Putin wäre nach Einschätzung Witkoffs ein wichtiger Schritt, um einem Abkommen näherzukommen .
Doch die Positionen klaffen weiter auseinander. Russland stellt Maximalforderungen: Moskau erhebt Anspruch auf den gesamten Donbass – auch auf Gebiete, die derzeit von ukrainischen Streitkräften kontrolliert werden . Zudem verlangt Russland eine neutrale und blockfreie Ukraine mit Rechten für die russischsprachige Bevölkerung .
Die Ukraine lehnt diese Forderungen ab. Präsident Selenskyj pocht auf einen „gerechten Frieden“ und territoriale Integrität seines Landes. Er zeigte sich zuletzt skeptisch, ob Russland überhaupt ernsthaft an einer Beendigung des Krieges interessiert sei: „Es gibt keine Hinweise, dass Kremlchef Wladimir Putin den Krieg stoppen wolle“.
Ein Hoffnungsschimmer ist die Aussage von Kyrylo Budanow, dem Stabschef Selenskyjs, der im ukrainischen Fernsehen erklärte, Russland sei bereit, Sicherheitsgarantien der USA für die Ukraine zu akzeptieren . Um welche Garantien es sich konkret handeln soll, blieb jedoch offen.
Internationale Unterstützung: Europa springt ein
Mit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus hat sich die Dynamik der westlichen Unterstützung verändert. Washington liefert Waffen nur noch, wenn die Europäer bezahlen . Deutschland ist unter Kanzler Friedrich Merz zum größten Waffenlieferanten aufgestiegen .
Die EU ringt derweil um ein großes Hilfspaket über bis zu 90 Milliarden Euro, mit dem die Ukraine sich weiter gegen den Krieg wehren kann . Ungarn und die Slowakei blockieren jedoch Teile dieser Hilfen, was zu erheblichen Spannungen innerhalb der Union führt.
Belgien kaperte Anfang März einen Öltanker der russischen Schattenflotte – nach Angaben des Verteidigungsministeriums mit militärischer Unterstützung auch aus Frankreich . Solche Aktionen zielen darauf ab, Russlands Einnahmen aus dem Ölgeschäft zu schmälern, die weiterhin eine wichtige Finanzierungsquelle des Krieges darstellen.
Innere Entwicklung: Reformen und Herausforderungen
Die ukrainische Führung hat personelle Konsequenzen aus der angespannten Lage gezogen. Zum Jahresbeginn 2026 tauschte Präsident Selenskyj auf eigenen Wunsch seinen Verteidigungsminister aus. Neuer Amtsinhaber wurde der bisherige Digitalminister Mychajlo Fedorow .
Fedorow hat bereits einige der Grundprobleme der ukrainischen Armee angesprochen: ineffiziente Verwaltungsbürokratie, unzureichendes Training und eine Militärkultur, die zu wenig Rücksicht auf Verluste nehme . Diese Missstände sind nach Einschätzung von Militärexperten auch für die hohen Zahlen unerlaubter Abwesenheiten (derzeit etwa 200.000 Mann) mitverantwortlich .
Positiv entwickelt sich die eigene Rüstungsindustrie. Die Ukraine baut ihre Produktion von Drohnen und Raketen mit großer Reichweite aus, die Luftwaffe wird mit westlichen Kampfjets gestärkt . „Das Ziel der Ukraine ist es, den Krieg für Russland sinnlos zu machen“, beschreibt der US-Militärfachmann Michael Kofman diese Strategie .
Parallel dazu schreitet der Wiederaufbau voran, soweit es die Kriegslage zulässt. Die Behörden ordneten Anfang 2026 an, mehrere tausend Kinder und deren Eltern aus umkämpften Gebieten in den Oblasten Saporischschja und Dnipropetrowsk zu evakuieren .
Ausblick: Entscheidendes Jahr 2026
Militärexperten sehen in diesem Jahr eine Weichenstellung. „2026 wird ein entscheidendes Jahr für die Ukraine – und für Europa“, urteilt der Analyst Gustav Gressel . Bekomme die Ukraine ihre organisatorischen Probleme in den Griff und schaffe es Europa, gemeinsam mit der Ukraine wichtige Rüstungsgüter in Großserie zu bauen, könne die Ukraine die Front ab dem Herbst 2026 stabilisieren.
Der russische Historiker Juri Felschtinski warnt jedoch vor zu großem Optimismus: „Ohne eine Veränderung des Kriegsformats kann Russland noch sehr lange weiterkämpfen“ . Moskau verfüge weiterhin über menschliche, finanzielle und militärische Ressourcen, um die Ukraine zu zermürben. Der Krieg könne sich sogar über die aktuelle Amtszeit des US-Präsidenten hinaus hinziehen.
In Moskau selbst sei vom Krieg wenig zu spüren, so Felschtinski: „In Moskau leidet niemand unter dem Krieg. Die Zahl der Milliardäre steigt sogar“ . Putin habe daher keinen Grund, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.
Die entscheidende Frage für die kommenden Monate wird sein, ob die diplomatischen Bemühungen in Abu Dhabi und Genf doch noch zu einem Durchbruch führen können. Bislang, so der Tenor nach der jüngsten Gesprächsrunde, sind „Anzeichen für einen Durchbruch Fehlanzeige“ . Die Gespräche sollen fortgesetzt werden, doch die Positionen bleiben verhärtet. Das fünfte Kriegsjahr hat gerade erst begonnen.

