Berlin – Die schwarz-rote Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steckt in ihrer bislang tiefsten Krise. Nach einer Serie von Wahlschlappen, monatelangem Reformstillstand und den dramatischen wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges ist das Vertrauen der Bürger in die Regierung auf einen historischen Tiefstand gesunken. Die neuesten Umfragewerte sind alarmierend: Nur noch 15 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der Regierung zufrieden, während die rechtspopulistische AfD in der Wählergunst mit den Unionsparteien gleichgezogen ist. Im Inneren zerreißen sich Union und SPD in einem erbitterten Reformpoker, während außenpolitisch die Bewältigung der Energiepreis-Explosion und die ungelöste Migrationsfrage die Koalition zu zerreißen drohen.
Umfrage-Debakel: Merz auf Allzeittief, SPD am Boden
Die am Donnerstag veröffentlichten Ergebnisse des ARD-„Deutschlandtrends“ und des RTL/ntv-Trendbarometers zeichnen ein vernichtendes Bild der politischen Stimmung in der Bundesrepublik. Die Unzufriedenheit mit Kanzler Friedrich Merz erreicht neue Höhen: Nur noch 21 Prozent der Wähler sind mit seiner Arbeit zufrieden, während 76 Prozent seine Amtsführung ablehnen. Noch dramatischer ist der Absturz von Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD): Dessen Zustimmungswert fiel im Vergleich zum Vormonat um 15 Punkte auf nur noch 18 Prozent.
Die Beliebtheitswerte der Regierung spiegeln sich in der Sonntagsfrage wider. CDU/CSU kommen nur noch auf 26 Prozent, während die AfD mit ebenfalls 26 Prozent gleichgezogen ist. Die SPD verharrt derweil auf einem katastrophalen Wert von 12 Prozent, ihrem niedrigsten Stand seit 2019. 84 Prozent der Bürger sind unzufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung – ein Rekordhoch seit Amtsantritt von Merz im Mai 2025.
Die wachsende Unsicherheit angesichts der explodierenden Energiepreise und der weiter kriselnden deutschen Wirtschaft zahlt offenbar auf das Konto der AfD ein. Die Rechtspopulisten legen in den Umfragen weiter zu und sind nun auf Augenhöhe mit den Unionsparteien. Ein bitterer Befund für Kanzler Merz, der eigentlich mit einem harten migrationspolitischen Kurs das Erstarken der AfD stoppen wollte.
Syrien-Rückkehr: Merz scheitert mit Plan – heftige Kritik aus den eigenen Reihen
Ein wesentlicher Grund für das Umfragetief ist der jüngste außenpolitische Alleingang des Kanzlers. Beim Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin erklärte Merz, er wolle, dass 80 Prozent der rund 950.000 in Deutschland lebenden Syrer bis zum Ende seiner Amtszeit 2029 in ihre Heimat zurückkehrten.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten – und sie kam nicht nur von der Opposition. Selbst aus den eigenen Koalitionsreihen hagelte es Kritik. Die SPD-Fraktionsvize Aydan Özoğuz sagte gegenüber Politico, Merz’ Äußerung sei eine „Zahl ohne Plan, ohne rechtliche Grundlage und ohne Respekt für so viele Menschen, die Teil unserer Gesellschaft sind“. Der SPD-Migrationsexperte Hakan Demir kritisierte, Merz werfe nur Zahlen in den Raum, um später wieder zurückzurudern.
Nach der massiven Kritik ruderte Merz zurück und gab an, die „Größe der Aufgabe“ zu kennen. Doch der Schaden war bereits angerichtet. Wirtschaftsexperten warnen zudem vor den negativen Folgen einer Massenrückführung: Rund 60 Prozent der 2015 und 2016 eingereisten Syrer sind inzwischen erwerbstätig, viele arbeiten in Branchen mit akutem Fachkräftemangel. Einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit zufolge waren im Dezember 2024 immerhin 111.000 der syrischen Geflüchteten aus der Kohorte von 2016 in Arbeit, während nur 34.000 arbeitslos gemeldet waren.
Energiepreis-Schock: Die Regierung ist handlungsunfähig
Die größte innenpolitische Herausforderung bleibt jedoch die Energiepreis-Explosion infolge des Iran-Krieges. Der seit Ende Februar andauernde Konflikt hat die Straße von Hormus faktisch gesperrt, was zu einem massiven Anstieg der internationalen Gas- und Ölpreise führte. An den Tankstellen steigen die Preise kontinuierlich, ein Ende ist nicht in Sicht. Der Tankstellen-Interessenverband hält Preise von bis zu 2,50 Euro pro Liter für möglich.
Bundeskanzler Merz musste bereits vor Wochen einräumen, dass die Regierung die gestiegenen Preise nicht vollständig auffangen könne. Das beste Mittel zur Senkung der Preise sei die Beendigung des Krieges, sagte Merz in einer Regierungsbefragung. Ein fataler Befund, denn die militärische Eskalation im Nahen Osten liegt nicht in der Hand der Bundesregierung.
Die Wirtschaftsexpertin Veronika Grimm fordert angesichts der Krise drastische Maßnahmen und spricht sich für ein Tempolimit auf Autobahnen aus. „Wenn man in einer solchen Situation wie dieser ankommenden Krise Freiheit als das Recht, auf der Autobahn zu rasen, definiert, dann hat man tatsächlich nicht verstanden, in welcher Situation wir uns in Deutschland befinden“, schrieb sie auf der Plattform X. Selbst innerhalb der CDU gibt es Widerstand gegen die Politik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Der ostsächsische CDU-Abgeordnete Florian Oest forderte Steuersenkungen und eine Aussetzung der CO₂-Bepreisung, um die Verbraucher sofort zu entlasten.
Koalitionsstreit: Der große Reformpoker scheitert an Söders Blockade
Unterdessen ringt die Koalition hinter verschlossenen Türen um ein Reformpaket, das Deutschland aus der Krise führen soll. Bis 2029 klafft ein Haushaltsloch von bis zu 130 Milliarden Euro, Wirtschaftsflaute und Wahlpleiten setzen die Regierung massiv unter Druck. Kanzler Merz und Vizekanzler Klingbeil signalisieren Reformbereitschaft, doch die Verhandlungen gestalten sich äußerst schwierig.
Vizekanzler Klingbeil fordert mehr Arbeitszeit und will dafür das Ehegattensplitting für künftige Ehen abschaffen, um Anreize für Erwerbstätigkeit zu schaffen. Zudem sollen der Kündigungsschutz gelockert und Frühverrentungsprogramme gestrichen werden. Merz wiederum könnte einer Einkommensteuerreform zustimmen, die 95 Prozent der Beschäftigten entlasten würde – finanziert durch einen höheren Spitzensteuersatz.
Doch die Pläne scheitern bislang an CSU-Chef Markus Söder. Der Bayer lehnt jede Erhöhung des Spitzensteuersatzes kategorisch ab und torpediert damit die Verhandlungen. Auch die geplante Krankenkassen-Reform, die unter anderem die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern abschaffen soll, ist umstritten.
Landtagswahlen: Das Desaster von März hallt nach
Die desaströsen Umfragewerte sind auch die Folge eines denkbar schlechten Starts ins sogenannte Super-Wahljahr 2026. Bei den Landtagswahlen im März erlitten die Regierungsparteien schwere Schlappen. In Baden-Württemberg siegten die Grünen knapp vor der CDU, während die SPD mit 5,5 Prozent auf ein historisches Tief abstürzte. Die FDP flog aus dem Landtag, die AfD konnte ihr Ergebnis nahezu verdoppeln.
Noch schmerzhafter für die SPD war der Verlust der absoluten Mehrheit in Rheinland-Pfalz, wo die CDU die Sozialdemokraten nach 35 Jahren an der Macht ablösen konnte. Die beiden Wahlniederläufe haben die innerkoalitionären Spannungen massiv verschärft und den Druck auf Kanzler Merz erhöht, endlich Ergebnisse zu liefern.
Ausblick: Ein Kanzler auf der Kippe
Die schwarz-rote Koalition steht nach knapp einem Jahr Amtszeit vor ihrer bislang größten Bewährungsprobe. Die dramatischen Umfragewerte, der anhaltende Koalitionsstreit und die externen wirtschaftlichen Schocks durch den Iran-Krieg haben das Bündnis in eine Schieflage gebracht, aus der es kaum noch einen Ausweg zu geben scheint.
Die AfD atmet der Regierung im Nacken, die SPD ist auf einem historischen Tief, und selbst in der Unionspartei bröckelt die Unterstützung. Ob die gemeinsame Suche nach einem neuen Grundkonsens gelingt oder ob das Bündnis noch vor den nächsten Landtagswahlen im September in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zerbricht, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden.
Eines ist sicher: Kanzler Merz hat nicht mehr viel Zeit, um das Ruder herumzureißen. Seine Ankündigung, die Wirtschaft zu modernisieren und Deutschland aus der Krise zu führen, ist bislang nicht eingelöst worden. Der „Herbst der Reformen“, den er nach seiner Amtseinführung versprochen hatte, ist ausgeblieben. Der Frühling 2026 wird nun zum Schicksalsfrühling für den Kanzler und seine Regierung.
Mit Material von ARD-Deutschlandtrend, RTL/ntv Trendbarometer, dpa, Reuters, Politico und Nachrichtenagenturen.

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