Aufschwung in Gefahr: Krieg und Reformstau belasten deutsche Wirtschaft

Berlin – Was sich Ende 2025 noch wie ein vielversprechender Neustart anhörte, droht im Frühjahr 2026 zur Zerreißprobe für die deutsche Wirtschaft zu werden. Der Krieg im Nahen Osten treibt die Energiepreise in ungeahnte Höhen, die Industrie schwächelt, und die erhofften Wachstumsimpulse der Bundesregierung bleiben vorerst aus. Während Wirtschaftsverbände und Ökonomen mit wachsender Ungeduld auf Reformen drängen, gerät Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zunehmend unter Druck.

Konjunktur im Rückwärtsgang

Die deutsche Wirtschaft ist schlecht ins Jahr 2026 gestartet. Nach einer leichten Erholung zum Jahresende 2025 verlor die Konjunktur zu Beginn des neuen Jahres an Schwung . Die entscheidenden Frühindikatoren zeigen nach unten: Die Industrieproduktion sank im Januar bereits zum zweiten Mal in Folge um 0,5 Prozent gegenüber dem Vormonat . Noch dramatischer fällt der Rückgang in den energieintensiven Branchen aus – sie brachen um 4,3 Prozent ein .

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung im Außenhandel: Die Exporte gingen im Januar um 2,5 Prozent zurück, die Importe sogar um 7,4 Prozent . Dass die Importe so stark einbrechen, ist für eine Industrienation wie Deutschland ein alarmierendes Signal – es bedeutet, dass weniger Vorprodukte für die Produktion ins Land kommen . Die Auftragseingänge in der Industrie stürzten im Januar um 11 Prozent ab, was selbst Analysten überraschte .

„Die industrielle Basis des Landes erodiert“, kommentiert der Nordkurier die Entwicklung . Die Zahlen stützen diese Einschätzung: Die Industrieproduktion lag im Januar 1,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau . Eine breite Erholung ist nicht in Sicht.

Energiepreis-Schock durch Iran-Krieg

Die eigentliche Zäsur kam mit dem 28. Februar. Der US-israelische Angriff auf Iran hat die Energiemärkte massiv verunsichert. Der Brent-Ölpreis schnellte in den ersten Märztagen auf fast 120 Dollar pro Barrel hoch, der Gaspreis an den Börsen verdoppelte sich nahezu .

An den Tankstellen sind die Folgen unmittelbar spürbar: Vor dem Krieg kostete Benzin in Deutschland zwischen 1,60 und 1,70 Euro pro Liter, inzwischen liegt der Preis bei 2,10 bis 2,20 Euro – ein Anstieg um rund 30 Prozent . Die DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov warnt: „Der Krieg im Nahen Osten hat gravierende Folgen für die Weltwirtschaft. Das trifft Deutschland wegen seiner starken internationalen Verflechtung besonders hart“ .

Die wirtschaftlichen Auswirkungen halten sich nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zwar in Grenzen – das Wachstum wird 2026 voraussichtlich um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte gedämpft . Doch die Inflation könnte deutlich anziehen. Das DIW rechnet nun mit einer Teuerungsrate von 2,4 Prozent für dieses Jahr, nach 2,2 Prozent im Vorjahr . In einem Negativszenario – einer weiteren Eskalation des Konflikts – könnte die Inflation sogar auf 2,8 Prozent steigen und die Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozentpunkte sinken .

Die Bundesregierung reagierte mit der Freigabe von 19,51 Millionen Barrel strategischer Ölreserven und kündigte eine Verschärfung der Preisaufsicht an Tankstellen an . Doch DIW-Präsident Marcel Fratzscher relativiert: Die freigegebenen Reserven reichten nur für knapp drei Wochen . Entscheidend sei, wie lange die Straße von Hormus blockiert bleibe.

Strukturelle Probleme: Mehr als nur eine Energiekrise

Die aktuelle Krise trifft auf einen Standort, der bereits seit Jahren mit strukturellen Problemen kämpft. Deutschland hat „mit die höchsten Energie-Standortkosten weltweit“, warnt Melnikov . Diese Kosten sind nicht nur eine Folge des aktuellen Krieges, sondern das Ergebnis einer jahrelangen Energiepolitik.

Die Kritik daran wird immer lauter. In einer Analyse des Nordkurier heißt es: „Deutschland baut seine Solarleistung massiv aus – doch das System ist paradoxerweise gleichzeitig auf erneuerbare Energien und auf fossiles Backup angewiesen“ . Die Gasverstromung ist laut Statistischem Bundesamt auf einen Rekordstand gestiegen (+10,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und macht mittlerweile 16,1 Prozent der gesamten Stromproduktion aus .

Noch problematischer: Rund 88 Prozent der importierten Photovoltaiksysteme stammen inzwischen aus China, während die Produktion von Solarmodulen in Deutschland um mehr als 60 Prozent eingebrochen ist . „Deutschland investiert Milliarden in den Ausbau erneuerbarer Energien – aber die Wertschöpfung findet zunehmend im Ausland statt“, kritisiert der Nordkurier .

Die große Frage: Will Deutschland noch ein Industrieland sein?

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt: Im Dezember 2025 wurden 2.037 Fälle registriert – ein Anstieg von 13,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr . Der IWH-Insolvenztrend verzeichnete im Februar einen weiteren Anstieg um 5 Prozent .

Die energieintensiven Branchen, einst das Rückgrat des deutschen Wirtschaftsmodells, geraten besonders unter Druck. Die Produktion im energieintensiven Bereich brach im Januar um 4,3 Prozent ein . Viele Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland – in die USA oder nach Asien, wo die Energiekosten teilweise nur ein Drittel des deutschen Niveaus betragen .

„Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Deutschland seine Industrie kurzfristig stabilisieren kann“, schreibt der Nordkurier. „Die entscheidende Frage ist: Will Deutschland überhaupt noch ein Industrieland sein?“

Reformdruck wächst – Kritik an Ministerin Reiche

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) galt bei ihrem Amtsantritt als Hoffnungsträgerin der Wirtschaft. Nach mehr als einem Jahr im Amt wächst die Ungeduld. „Es gibt eine erhebliche Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Sie ist mit hohen Erwartungen gestartet, aber die versprochene Agenda für mehr Wachstum ist allenfalls in Ansätzen gekommen“ .

Auch Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), übt deutliche Kritik: „Nach einem Herbst, der vor allem einzelne Reförmchen, aber kaum Ergebnisse gebracht hat, die im Betriebsalltag zu spüren sind, hat sich in vielen Handwerksbetrieben deutlich Enttäuschung breitgemacht“ .

Dittrich warnt davor, geopolitische Unsicherheiten wie den Iran-Krieg oder anstehende Landtagswahlen als Vorwand zu nutzen, um notwendige Entscheidungen aufzuschieben. „Jede Verzögerung verschärft die Probleme und gefährdet die Stabilität von Wirtschaft und sozialen Sicherungssystemen“ .

Die Spitzenverbände der Wirtschaft hatten bereits Anfang März in einer gemeinsamen Erklärung vor einem „Kipppunkt“ für den Wirtschaftsstandort Deutschland gewarnt . DIHK-Präsident Peter Adrian forderte „dringend mutige Reformen für die gesamte Breite der Unternehmen und eine verlässliche Politik, die das Vertrauen der Wirtschaft verdient“ .

Regierung setzt auf staatliche Impulse

Trotz aller Kritik bleibt die Bundesregierung grundsätzlich optimistisch. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte bei einem Treffen mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft, der Krieg im Nahen Osten bedeute zwar eine weitere Herausforderung. „Wenn der Konflikt zeitlich begrenzt bleibt, dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten“ .

Als Treiber für das Wirtschaftswachstum gelten vor allem die Milliardeninvestitionen der Bundesregierung in Infrastruktur und Rüstung. Das DIW rechnet für 2026 mit einem Wachstum von 1,0 Prozent – getragen von den Staatsausgaben . Für 2027 wird sogar ein Plus von 1,4 Prozent erwartet .

Doch Ökonomen warnen: Diese Bereiche sind energieintensiv. „Wenn die Energiepreise lange hoch bleiben, besteht die Gefahr, dass sich diese Programme nicht so positiv auswirken können, wie wir das erwartet haben“, sagt Stephan Kemper, Investmentstratege bei BNP Paribas Wealth Management .

Ausblick: Das Jahr der Reformen?

Die Forderung der Wirtschaft ist klar: „2026 muss zum Jahr der Reformen werden“ . Ökonomen sehen dringenden Handlungsbedarf in mehreren Bereichen: beim Bürokratieabbau, bei den Sozialversicherungen, beim Arbeitsmarkt und in der Energiepolitik .

„Aus ökonomischer Perspektive ist es fünf nach zwölf, was die Reformen anbetrifft“, sagt Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) . Deutschlands Wirtschaftsleistung sei heute in etwa so hoch wie 2019 – während andere Länder seitdem gewachsen seien, habe Deutschland faktisch kein Wirtschaftswachstum und keine Produktivitätsverbesserungen gehabt .

Auch Geraldine Dany-Knedlik vom DIW hofft auf „ein Frühjahr und einen Frühsommer der Reformen“ . Gerade im Bereich Bürokratieabbau könne noch einiges geschehen. Entscheidend sei jedoch, dass es sich wirklich um zusätzliche Investitionen handele – sonst sei der Wachstumseffekt gering .

Die Uhr tickt. Der Krieg im Nahen Osten hat die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands nicht verursacht – aber er hat sie drastisch verschärft. Ob die Bundesregierung die Kraft findet, die längst überfälligen Reformen anzugehen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Fest steht: Die Zeit drängt.


Mit Material von dpa, Reuters, Bundeswirtschaftsministerium, DIW, Ifo-Institut und Deutscher Industrie- und Handelskammer.

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