Berlin – Die deutsche Wirtschaft sendet vorsichtige Hoffnungssignale, doch die strukturellen Baustellen bleiben gewaltig. Während Kanzler Friedrich Merz in China um neue Handelsbeziehungen wirbt, kämpft die Regierung zu Hause mit Haushaltslöchern, Bürokratie und politischem Gegenwind. Ein Überblick über die aktuelle Lage.
Wirtschaft: „Starkes Signal“ nach langer Durststrecke
Erstmals seit drei Jahren hat das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die kritische 100-Punkte-Marke überschritten. Im Februar stieg der Wert auf 101,6 Punkte – ein Schwellenwert, der für die Bundesrepublik ein neutrales Wirtschaftswachstum von etwa einem Drittel Prozent auszeichnet .
„Die Signale, dass Deutschland in diesem Jahr den Weg aus der wirtschaftlichen Stagnation findet, werden stärker“, bewertet DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik die Entwicklung. Vor allem finanzpolitische Impulse würden die gesamtwirtschaftliche Nachfrage im laufenden Jahr stützen .
Die konkreten Zahlen untermauern diesen Optimismus: Im vierten Quartal 2025 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu. „Zur positiven Entwicklung trugen vor allem die privaten und staatlichen Konsumausgaben bei. Aber auch die Bauinvestitionen zogen deutlich an“, urteilte Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes . Für das Gesamtjahr 2025 ergaben neueste Berechnungen ein leichtes Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent im Vergleich zu 2024 .
Auch der Ifo-Geschäftsklimaindex verzeichnet im Februar 2026 eine verbesserte Stimmung unter deutschen Unternehmen – im verarbeitenden Gewerbe, dem Dienstleistungssektor und im Baugewerbe .
Die Schattenseite: Haushaltslöcher wachsen
Doch der zarte Aufschwung hat seinen Preis. Die Löcher im Staatshaushalt sind weitaus größer als zunächst angenommen. Das gesamtstaatliche Defizit erreichte 2025 revidierte 2,7 Prozent der Wirtschaftsleistung – deutlich mehr als die ursprünglich gemeldeten 2,4 Prozent. Der Fiskus gab 119,1 Milliarden Euro mehr aus, als er einnahm .
Noch alarmierender sind die Aussichten: Die Bundesbank rechnet damit, dass die Defizitquote bis 2027 auf viereinhalb Prozent ansteigen wird. Grund dafür sind schuldenfinanzierte Milliardensummen, die der Staat in Straßen, Schienen und Verteidigung stecken will . „Vorübergehend höhere Defizite sind nachvollziehbar“, schreibt die Bundesbank in ihrem Monatsbericht, mahnt aber gleichzeitig: „Ohne ein Gegensteuern des Bundes zur Einhaltung der Schuldenbremse würde die Defizitquote 2028 weiter Richtung fünf Prozent steigen“ .
Über die Zukunft der Schuldenbremse herrscht innerhalb der Bundesregierung Uneinigkeit. Während die SPD mehr Spielraum für Investitionen etwa in Infrastruktur, Kitas und Schulen will, lehnt die Union eine weitere Lockerung ab .
Außenpolitik: Merz in China – zwischen Kooperation und Konfrontation
Bundeskanzler Friedrich Merz ist erstmals in seiner Amtszeit nach China gereist – ein Besuch, der die Ambivalenz der deutsch-chinesischen Beziehungen deutlich machte . Die zweitägige Reise führte ihn unter anderem zum chinesischen Robotik-Hersteller Unitree, wo ihn tanzende Roboter empfingen, sowie zur Siemens-Energy-Niederlassung und zu Mercedes-Benz, wo autonome Fahrtechnologien präsentiert wurden .
Merz betonte neben „beeindruckend guter Zusammenarbeit und technologischer Entwicklung“ auch die „schwierigen Themen, die wir direkt ansprechen müssen“. Besonders die hohe Produktionskapazität Chinas bereitet Sorgen: „Einiges davon bereitet Europa Schwierigkeiten, weil es weit über die Marktnachfrage hinausgeht“ .
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Chinesische Exporteure haben die Handelsbilanz gedreht – 2025 erreichte Berlins Handelsdefizit gegenüber Peking 900 Milliarden Euro . Merz kündigte an, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nach China einzuladen und regelmäßige Regierungskonsultationen ab Anfang nächsten Jahres aufzunehmen .
Innenpolitik: SPD vor „Horror-Jahr“
Während die Wirtschaft vorsichtig optimistisch stimmt, durchlebt die Sozialdemokratie ein politisches Trauma. Nach dem historischen Bundestagswahl-Desaster 2025 mit nur 16,4 Prozent – fast zehn Prozent weniger als 2021 – droht der SPD nun ein „Horror-Jahr“ mit fünf Landtagswahlen .
Die Lage ist prekär: In Baden-Württemberg (Wahl am 8. März) liegt die SPD in Umfragen bei nur zehn Prozent. In Rheinland-Pfalz, einer einstigen Hochburg, droht erstmals seit 35 Jahren die Abwahl der Sozialdemokraten. In Mecklenburg-Vorpommern fiel die SPD von fast 40 Prozent (2021) auf aktuell 23 Prozent, während die AfD auf 37 Prozent zulegte. In Sachsen-Anhalt könnte die SPD sogar ganz aus dem Landtag fliegen .
Ein SPD-Bundestagsabgeordneter formulierte es anonym gegenüber der Bild: „Die Lage ist sehr ernst.“ Politikwissenschaftler Fritz W. Scharpf sieht die SPD gar als „möglicherweise ein Auslaufmodell“ .
Heizungsgesetz: Die Rückkehr der alten Heizungen
Union und SPD haben das umstrittene Heizungsgesetz der Ampel-Regierung grundlegend reformiert. Künftig dürfen wieder Gas- und Ölheizungen eingebaut werden – das Herzstück des alten Gesetzes, wonach neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden mussten, ist damit Geschichte .
Doch die Entlastung für Hausbesitzer könnte trügerisch sein: Die Preise für Öl und Gas werden ab 2027 voraussichtlich stark steigen. Für den Ausstoß von CO₂ müssen Hausbesitzer künftig mehr bezahlen. „Die Kosten fürs Heizen und für Warmwasser werden so oder so in den nächsten Jahren steigen – entweder weil weiter mit teurem Öl und Gas geheizt wird oder wegen hoher Kosten für die energetische Sanierung“ .
Interessant: Trotz der politischen Kontroversen erholt sich der Markt für Wärmepumpen. 2025 wurden knapp 300.000 neu installiert – mehr als Gasheizungen .
Wirtschaftspolitik: Streit um Tariftreuegesetz
Neuer Zündstoff gibt es beim geplanten Tariftreuegesetz. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) übt scharfe Kritik an der zweiten Lesung im Bundestag. „Das Gesetz bleibt wettbewerbsverzerrend, ist unvereinbar mit der grundgesetzlich geschützten Tarifautonomie und Koalitionsfreiheit und schafft unnötige, nicht hinnehmbare bürokratische Hürden“, wettert Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt .
Wissenschaftliche Untersuchungen des IW Köln hätten gezeigt, dass durch bereits bestehende Landestariftreuegesetze keinerlei messbare Stärkung der Tarifbindung stattgefunden habe. Brossardt warnt vor negativen Folgen: „Investitionen werden nun noch öfter im Ausland getätigt, zum Nachteil unseres Standorts“ .
Digitalisierung: Telekom bleibt beim Glasfaserausbau
Eine positive Nachricht kommt von der Telekom: Der Konzern will seinen Fokus auf den Glasfaserausbau in Deutschland beibehalten. „Glasfaser bleibt unser Schwerpunkt“, sagte Rodrigo Diehl, Vorstandsmitglied der Telekom Deutschland. Im vierten Quartal gewann das Unternehmen 164.000 Glasfaserkunden – das beste Quartal aller Zeiten .
Die Telekom erhöht ihre Investitionen: „Insgesamt entspricht das in Summe 800 Millionen Euro mehr für die Jahre 2026 bis 2028 – also ein klares Bekenntnis zum Glasfaserausbau, denn wir investieren weiterhin mehr als jedes andere Unternehmen in Deutschland“ .
Aufschwung auf tönernen Füßen
Deutschland steht Ende Februar 2026 an einem wirtschaftlichen und politischen Scheideweg. Die Konjunkturdaten senden erste Hoffnungssignale, doch die strukturellen Probleme sind ungelöst: explodierende Haushaltsdefizite, eine angespannte Haushaltslage, außenwirtschaftliche Risiken durch die unberechenbare Zollpolitik der USA und innenpolitische Zerreißproben .
Die entscheidende Frage wird sein, ob die öffentlichen Finanzmittel – wie das Sondervermögen für Klimaschutz und Infrastruktur – rasch investiert werden und zusätzliche Wertschöpfung erzeugen. „Es gibt Anzeichen für eine Erholung der Industrie, die Entwicklung bleibt aber vorerst fragil“, warnt DIW-Konjunkturexpertin Laura Pagenhardt . Der zarte Aufschwung könnte schnell verpuffen – wenn die Politik nicht liefert.

